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Dokumentation auf DVD und Ausstellung jetzt erhältlich

„Kopf Herz Tisch3“: Film beschreibt Situation von Heimkindern im Nachkriegsdeutschland

Verschwommen: Kind im Kinderbett

Die hessische Videokünstlerin Sonja Toepfer nennt ihren Film bewusst „Kopf Herz Tisch“, weil in ihm Menschen Rede und Antwort stehen, die in der Vergangenheit „an der anderen Seite des Tisches“ saßen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat die vor sechs Jahren begonnene historische Aufarbeitung der Geschichte der Heimkinder in der Nachkriegszeit mit der Vorstellung eines Dokumentarfilms und einer Wanderausstellung zum Thema jetzt in großen Teilen abgeschlossen. Bei den historischen Recherchen war deutlich geworden, dass auch Medikamentengaben in den Gesprächen mit früheren „Heimkindern“ immer wieder eine Rolle spielten.

Im vergangenen Jahr hatte die evangelische Kirche deshalb einen Film in Auftrag gegeben, der sich mit der medizinischen Situation der evangelischen Kinderheime in der Nachkriegszeit auseinandersetzen sollte. Sie beauftragte die Videokünstlerin Sonja Toepfer mit einer Dokumentation. Der Film wurde nun am Montag (25. Juni) in Frankfurt am Main vorgestellt. Zuvor war er auf einer Tagung mit früheren „Heimkindern“ diskutiert worden.

Zahlreiche Interviews

Die Wiesbadener Filmmacherin Sonja Toepfer konzentriert sich in ihrem neuen Werk im Auftrag der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau auf die Rolle der Medizin in den Kinderheimen der Nachkriegszeit. In einer knapp 80 Minuten langen Dokumentation kommen neun Zeitzeugen - von zwei früheren Heimkindern über eine Heimerzieherin bis zu dem Kinderarzt und Psychotherapeuten Hans von Lüpke - zu Wort. Ergänzt werden die Gespräche durch vier Experteninterviews, unter anderem mit dem Gießener Medizinhistoriker Volker Roelcke.

Neue Perspektiven

Toepfer ermöglicht durch die verschiedenen Perspektiven einen authentischen Einblick in die medizinische Denkweise in den Heimen der Nachkriegsjahre. Sie beleuchtet dabei, nach welchen Kriterien damals Kinder als „gesund“ oder „krank“, als „normal“ oder „abweichend“ beurteilt wurden. Und sie zeigt, mit welchen Maßnahmen auf sogenannte „erziehungsschwierige“, „gefährdete“, „verhaltensauffällige“ oder auch „gefährliche“ Mädchen und Jungen in Heimen eingewirkt wurde. Unter dem Titel „KOPF HERZ TISCH3 – Die psychiatrisierte Kindheit. Die Rolle der Medizin in der Fürsorgeerziehung von 1950 – 1975“ ist auf diese Weise eine eindrückliche Schilderung der Rolle der Medizin im Nachkriegsdeutschland entstanden, die es so bisher nicht gab.

Teil einer Trilogie

Die hessische Videokünstlerin nennt ihren Film bewusst „Kopf Herz Tisch“, weil in ihm Menschen Rede und Antwort stehen, die in der Vergangenheit „an der anderen Seite des Tisches“ saßen. Sie will damit nach eigenem Bekunden eine „konstruktive Auseinandersetzung mit der Rolle einer Medizin im Wandlungsprozess aus dem Erwartungshorizont der späten 50er und frühen 70er Jahre“ befördern. Toepfers Dokumentation ist der letzte Teil einer Trilogie, in der sie sich bereits mit der Heimkinderfrage unter dem Aspekt der Elternlosigkeit sowie den besonderen Bedingungen in der DDR auseinandersetzte.

Öffentliche Auseinandersetzung

Der neue Film Toepfers wird von der hessen-nassauischen Kirche einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In Kirche und Diakonie wird er künftig zu Lehr- und Fortbildungszwecken dienen. Der Film soll deshalb sowohl Trägern von Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe als auch Bildungseinrichtungen zur Verfügung gestellt werden. Angeregt wird auch, die Dokumentation beispielsweise mit regionalen Kooperationspartnern vor Ort zu zeigen. Als DVD ist der Film zudem gegen eine Schutzgebühr von zehn Euro erhältlich. Bestellung direkt auf der Internetseite: https://unsere.ekhn.de/heimkinder.html

Auch Ausstellung ausleihbar

Neben dem Dokumentarfilm „KOPF HERZ TISCH3“ ist ab sofort auch eine Wanderausstellung zum Thema „Heimkinder“ ausleihbar. Auf zwölf Tafeln wird die Geschichte evangelischer Kinderheime im Gebiet der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau nachgezeichnet. Die Schau trägt den Titel „Kinder in Heimen von 1945 bis 1975“. Sie setzt sich mit dem Alltag in den Einrichtungen ebenso auseinander wie mit dem Verständnis von Einrichtungen als „totale Institution“ und dem Thema Missbrauch.
Weitere Infos und Ausstellungs-Anfragen: https://unsere.ekhn.de/heimkinder.html

Folgerungen für pädagogische Arbeit

Der Dokumentarfilm und die Ausstellung lenke neben der Frage nach der historischen Aufarbeitung den Blick auch auf die heutige Heimsituation und die Entwicklung von Kinderrechten und einer modernen Pädagogik, erklärte die Projetleiterin zur Aufarbeitung der Heimkinderschicksale, Petra Knötzele. Die Juristin und Leiterin des Referats Personalrecht in der EKHN sieht „die Notwendigkeit von guter personeller und fachlicher Ausstattung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die Unabdingbarkeit eines von Respekt geprägten Menschenbilds und der Sensibilität im Umgang mit Schutzbefohlenen“. Die bei der Aufarbeitung zu Tage getretenen Ergebnisse machen nach Knötzele klar, dass „ohne Partizipation, ohne Beschwerdemöglichkeiten, ohne das Sensibilisieren für Grenzen oder Grenzverletzungen und das Anerkennen expliziter Kinderrechte Kinderschutz nicht möglich ist“.

Erlittenes Unrecht anerkennen

Nach Worten der hessen-nassauischen Historikerin Anette Neff, die die Aufarbeitung maßgeblich vorantrieb, sei es ein wichtiges Anliegen gewesen, „nicht über, sondern mit Betroffenen zu sprechen und zuzuhören“. Dazu habe auch ein Treffen mit früheren „Heimkindern“ direkt im Vorfeld der Filmpräsentation gedient. Den „Heimkindern“ ist nach Worten der EKHN-Mitarbeiterin dabei die institutionelle Anerkennung des erlittenen Unrechts ebenso wichtig wie das Wiederfinden der eigenen Geschichte. Dazu hätten neben den individuellen Hilfestellungen, dem Film und der Ausstellung auch das Erstellen eines Heimkatasters beigetragen.

Hintergrund: Aufarbeitung „Heimkinder“-Schicksale

Im Nachgang zur öffentlichen Bitte um Verzeihung von evangelischer Kirche und Diakonie an die Heimkinder vom 11. September 2011 bemüht sich die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau um intensive Hilfestellungen für Betroffene. Im Zentrum stehen auch vertiefte historische Recherchen, um als Institution selbst mehr über die Rolle der Heime und die Situation der „Heimkinder“ in den Jahren 1945 bis 1975 zu erfahren. Ziel war es auch, die Erkenntnisse in die aktuelle pädagogische Arbeit der evangelischen Kirche einfließen zu lassen.

 

        verantwortlich: Volker Rahn, Pressesprecher


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